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Mein Blick auf die Fotografie – (m)ein Interview mit dem Streetfotografen Murat Kurt

#Warum fotografieren wir?

[MK] Die Fotografie in wenigen Worten zu definieren ist sicherlich nicht ganz einfach, da diesbezüglich unterschiedlichste Meinungen und Sichten existieren. Auch wenn die Fotografie eine Erfindung auf technischer Basis ist, wäre es falsch das Themengebiet nur auf technische Themen zu reduzieren. Ein Foto beinhaltet unabhängig von seinem eigentlichen fotografischen Inhalt auch Informationen zum Fotografen selber. Es ist wichtig zu verstehen, was, wann und warum fotografiert wurde. Der Ursprung des Wortes Fotografie liegt im alt-griechischen (photos = Licht & graphis = schreiben) und kann frei übersetzt werden mit „Schreiben mit Licht“. Licht ist der wesentliche „Baustoff“ eines Fotos. Der Fotograf muss nicht nur das entsprechende technische Know How besitzen, sondern zeitgleich auch ein Verständnis für Ästhetik besitzen, als auch gewisse kulturelle Werte innehaben.
Der ungarische Fotograf und Maler Laszlo Moholy-Nagy (1895-1946) schreibt in einem seiner Artikel zum Thema Fotografie: „Der Analphabet der Zukunft wird nicht derjenige sein, der nicht lesen kann, sondern der nicht fotografieren kann“. Dies hat er vor gut 100 Jahren bereits ausgesprochen. In der Tat ist die Fotografie zu einem wesentlichen, nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil unseres Lebens geworden. Der Zugang zur Fotografie ist aus finanzieller Sicht keinerlei Herausforderung mehr und die Integration von hochwertigen Kameramodulen in Smartphones macht das Thema Fotografie allgegenwärtig. Nun kommen wir zur eigentlichen Frage – wird bei der Masse an Fotografien denn auch bewusst fotografiert? Leider nicht oder zu mindestens zum größten Teil nicht. Ich habe das Gefühl, dass gerade im Social Media Bereich das Teilen der Fotos mit der Gesellschaft viel wichtiger geworden ist, als das persönliche Erleben eines Momentes. Die tägliche Frage „welches Foto bzw. welche Fotos poste ich heute“ dominiert teilweise das Alltagsleben von vielen. Auch und gerade in den 60er und 70er Jahren war Fotografie ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens, jedoch mit einem deutlich künstlerischen Ansatz. Im Rahmen bedeutender Ausstellungen in bekannten Museen und Gallerien setzte man sich mit dem Thema der Fotografie intensivst aus. Weltweit bekannte und mit hohen Auflagen versehene Zeitschriften wurden mit ausgewählten hochwertigen Fotografien ausgestattet. Spezielle Agenturen wurden beauftragt mit der Suche und Auswahl von entsprechendem Bildmaterial. Weltweit  respektierte Kunstinstitutionen wie das Museum of Modern Art und Art Institue of Chicago öffneten sich für immer mehr Künstler bzw. Fotografen. Zu dieser Zeit wurde die Fotografiesparte erstmalig im Sinne einer echten Kunstsparte akzeptiert. Aus- und Fortbildungen im Bereich der Fotografie erfuhren eine eigene Dynamik. Des weiteren wurden Fotografie Akademien erstmalig institutionalisiert. Mit dem Fortschreiten der Fotografie entwickelten sich aber auch zeitgleich die ersten Herausforderungen. Die Fotografie erfasste immer mehr prägende Bereiche wie Kultur, Fashion oder Mode. Die Fotografie wurde in dem Zuge regelrecht industrialisiert. Über die Fotografie wurden diverse Abhandlungen verfasst. Benjamin, Sontag, Barthes, Foucault und Berger wären nur Einige der zu benennenden Schriftsteller.
Kommen wir nun zur Unterscheidung der Begriffe Bild und Foto, da dies immer wieder unter Fotografen bewusst differenziert wird. Kurz und knapp: Bilder werden gemalt, Fotos jedoch „fotografiert“. Der Mensch beherrschte zunächst das „Sehen“, bevor es das Sprechen und Schreiben lernte. Bevor wir in einer Zeitung einen Artikel lesen, schauen wir als erstes auf das Foto. Dieses Foto hat meistens bereits eine wesentliche Bildaussage und ist oft prägender Bestandteil der Nachricht. Wir kennen z.B. den Sonnenunter- und aufgang, wollen diesen aber immer wieder sehen. Es hat etwas magisches und ergreifendes. Besondere Fotos können in gewisser Weise eine ähnliche Wirkung erzielen.

eine spontane Aufnahme in den engen Gassen von Jerusalem (2015)

#Schwarz-Weiß oder Farbe?

[MK] Dies ist eine oft gestellte Frage. Eine eindeutige Empfehlung für eine Variante sollte man aus meiner Sicht vermeiden. Wenn denn notwendig und relevant, ist ein Farbfoto sicherlich sinnvoll, wie es auch umgekehrt sinnvoll sein kann, ein Foto in schwarz-weiß zu publizieren. Ich persönlich bevorzuge aber soweit wie möglich die Variante in Schwarz-Weiß. Schwarz-Weiß ermöglicht es ein Foto für den Betrachter auf das Wesentliche zu reduzieren. Der Blick auf ein Foto wird nicht durch Farben gestört und vereinfacht den Fokus auf den eigentlichen Inhalt des Fotos. Wenn ich nun aber z.B. in Indien fotografieren würde, wäre die erste Wahl die Farbfotografie um in die durchaus bunten Aspekte des Landes auch visuell einfangen zu können. In der Street und Reportagefotografie wird Schwarz-Weiß als Stilmittel aber wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin die Oberhand behalten.

ein im Rahmen einer Bergbau Reportage erstelltes Foto (2011)

#Wie hat sich die Fotografie technisch entwickelt?

[MK] Früher war es für einen Reportage bzw. Zeitungsfotografen finanziell sehr herausfordernd entfernte Orte zu erreichen. Hunderte Rollen Film wurden mitgenommen. Nach 36 Fotos war ein Tausch des Films notwendig. Nach Ankunft der belichteten Filme im Labor stand die aufwendige Entwicklung in den Dunkelkammern an. Es war zu dokumentieren, welches Fotos wo aufgenommen wurde. Fotokameras der neusten Generation sind bereits ausgestattet mit GPS und Wi-Fi Modulen. Anhand der sogenannten in Fotos eingebetteten Exif Daten sind jegliche technischen Informationen des Fotos automatisch dokumentiert. Die Reportagefotografie für Fussballspiele lebt von der absoluten Schnelligkeit. Fotos werden drahtlos und unmittelbar zur entsprechenden Redaktion gesendet zwecks Sichtung und Upload auf die entsprechenden Nachrichtenseiten. Ein Filmwechsel gehört der Vergangenheit an. Entsprechend der Größe der Speicherkarte können mittlerweile tausende von Fotos gespeichert werden. Die Fotokameras selber werden von Jahr zu Jahr schneller, pro Sekunde können mittlerweile eine Vielzahl von Fotos geschossen werden. Nun zur Frage, ob dies denn auch künstlerische Fotos sind? Nicht wirklich, aber aus Sicht der Reportagefotografie wurde zumindest technisch ein großer Fortschritt erzielt. Die fotografische Sichtung sollte aber nicht nur beim Fotografen liegen, sondern auch beim Betrachter selber. Warum wurde diese Fotos geschossen? Solche Fragen sollte sich ein Betrachter stellen. Wir sind mittlerweile in einer Zeit, in der andere für uns so vieles übernehmen. Das eigenständige Denken darf nicht abnehmen, ein Problem unserer modernen Welt.

die Aufnahme entstand in Tansania während eines islamischen Feiertagsgebetes (2015)

#Welche Orte sind fotografisch interessant? Gibt es „schwierige“ Gebiete?

[MK] Ich möchte erneut Indien benennen. Es ist fotografisch nicht einfach, aber auf der anderen Seite wiederum recht reizvoll. Die Bevölkerungsdichte ist hoch, eine umfangreiche Dynamik in den Bevölkerungsschichten, bunte Farben und vieles mehr. In vielen Ländern kann es aber auch schwer sein zu fotografieren. Menschen die mit einer Kamera konfrontiert werden, können schnell abweisend reagieren. Auf unserer letzten Fotoreise nach Marrakesch gab es sogar viele Menschen, die Geld verlangt haben, um sich fotografieren zu lassen. Ähnlich ist es z.B. auch in Kuba.
Alternativ ist es beispielsweise in Istanbul deutlich angenehmer sich fotografisch auszuleben. Sämtliche Kontraste im täglichen Leben sind hier zu sehen. Von Reich bis arm oder vom Luxus- bis zum Pferdewagen. In Deutschland ist es ebenso schwierig Menschen abzulichten. Da kann leider der ein oder andere doch allergisch reagieren. Auch die Stadtbilder bei uns haben aufgrund der ganzheitlichen Modernisierung einen ähnlichen, in gewissen Stellen vielleicht langweiligen Charakter. Die eigentliche Herausforderung ist die: jemand der nicht „sehen“ kann, wird auch kein nachhaltiges gutes Bild fotografieren können. Das fotografische Auge schafft es in vielen Szenen das Besondere zu erkennen, was dem üblichen Betrachter verschlossen bleiben kann.
Wenn es um das Thema Komposition geht: Auch wenn man an einem wundervollen Ort wäre, aber das geschossene Foto keinerlei Ästhetik in seiner Komposition aufweist, hat das Foto keinerlei Wertigkeit. Bevor der Fotograf zum Foto ansetzt, sollte dieser die Komposition im Kopfe visualisieren. Das Foto muss im Geiste bereits existieren, bevor der Auslöser betätigt wird.
Die schwierigste Disziplin ist jedoch die Fotografie in Kriesengebieten bzw. die Kriegsfotografie. Waffen und Bomben beherrschen das tägliche Leben. In solch einem Umfeld, zwischen all diesen Gefahren bewegt sich ein Fotograf. Wir dürfen nicht vergessen, dass Soldaten nicht zwischen Feind und Fotograf unterscheiden. Der Auslöser einer Kamera wird im englischen oft „trigger“ genannt, was auch gleichzusetzen ist mit dem Abzug einer Waffe. Die Kriege unserer Vergangenheit zeigen, wie aufklärend, aber auch propagandistisch manipulierten die Fotografie als Stilmittel sein kann. Der 2. Weltkrieg, Vietnam oder der Golfkrieg nur als wenige Beispiele aufgeführt. Ein aufklärendes Exempel waren die fotografischen Veröffentlichungen die zum Abu-Ghuraib Folterskandal führten. Irakische Insassen des Abu-Ghuraib Gefängnisses wurden vom amerikanischen Wachpersonal misshandelt. Die Fotos führten weltweit zu einem Sturm der Entrüstung. Im Zusammenhang mit der Kriegsfotografie schrieb Susan Sontag das Buch mit dem Namen: „Das Leiden anderer betrachten“. Ich möchte diesbezüglich eine unbedingte Lesempfehlung aussprechen. Moral und Gewissen sind 2 Schlüsselaspekte, die im Rahmen dieser Abhandlung aufgegriffen werden.
Der bekannte türkische Reportagefotograf Ara Güler erzählte einmal von folgendem Erlebnis. Nach einer fotografischen Reportage in der Mongolei mit hunderter erstellter Fotos, will er diese der National Graphics Zeitschrift vorstellen.  Der Verantwortliche der Redaktion fragte Ara Güler, wieviele Tage er in dem Land war. Nachdem er Ihm vermittelte, dass er 10 Tage in dem Land verbrachte, entschloss sich der Redakteur die Fotos nicht einmal zu sichten. Die Aussage des Redakteurs: „Um ein Land wirklich kennenzulernen, muss man in die Lebensweisen des Landes eintauchen, die Menschen  und kulturellen Hintergründe kennenlernen. Dies erfordert mindestens 3 Monate“.

ein im jüdischen Teil Jerusalems festgehaltenes Motiv. Der vorsichtige Blick eines kleinen Jungen (2015)

#Wie kamst du zur Fotografie?

[MK] Zu meiner Schulzeit (Mittelstufe) hatte mein Klassenlehrer immer eine Analog Kamera der Marke Porst dabei. Durch Ihn wurde auch ein Fotografie Kurs im Sinne eines Wahlfaches etabliert. Wir fotografierten 2 Stunden in der Woche und durften die Fotos selber in der Dunkelkammer entwickeln. Das machte mir ungemein Spaß. Unser Klassenlehrer hatte auch zu Hause eine recht professionelle Dunkelkamera. Er schaffte es über unsere schulische Zeit hinweg auch im Privaten für die Fotografie zu begeistern. In der Oberstufe erwarb ich dann endlich meine eigene Kamera. Es war eine semi-professionelle Canon. Ich nutze Sie über viele Jahre, auch wenn nicht sehr intensiv. Mit der Entwicklung der Digitaltechnik entschloss ich mich 2008 mit dem Kauf einer neuen Kamera mich intensiver dem Thema zu widmen. Langzeitbelichtungen und das Ablichten sogenannter „Lost Places“ stand im Vordergrund. Durch einen guten (gleichgesinnten) Freundeskreis gingen wir unterschiedlichste Fotoprojekte an und unternahmen auch diverse gemeinsame Reisen. Später fotografierte ich schwerpunktmäßig große Industrieanlagen. Neue webbasierte Fotoplattformen gaben uns die Möglichkeit diese Fotos zu teilen und gemeinsam zu besprechen. Zu einem späteren erhielt ich auch Unterricht von einem deutschlandweit bekannten Fotografen. Bei der Begutachtung meiner Fotos fiel Ihm auf, dass ich nahezu keine Menschenfotos präsentierte. An der ein oder anderen Stelle hatte ich aber auch (mehr beiläufig) Menschen porträtiert. Ich entschied mich damals auch diese Ihm vorzuzeigen. Zu meiner Verwunderung gefielen Ihm die Fotos sehr und er sprach für mich die Empfehlung aus, mich mehr auf diese Sparte zu konzentrieren. Seit ca. 2010 wurde dann mein Schwerpunkt die sogenannte Street Fotografie, die in mir eine neue fotografische Leidenschaft weckte. Es freute mich sehr, dass ich auch in 2010 auf einer deutschen Fotoplattform mit über 1 Millionen Mitglieder in der Kategorie Menschenfotografie nominiert, als auch den ersten Platz belegte. Einige Fotos wurden in Zeitschriften veröffentlicht. 2014 gründeten wir mit einem engeren Freundeskreises denn möglicherweise ersten von „Deutschtürken“ betriebenen Fotoverein (Anm. der Redaktion: Fotokultur e.V.). Im Rahmen des Vereins betrieben wir aktive fotografische Arbeit (Seminare, Fotobesprechungen und vieles mehr) und schafften es über die letzten 3 Jahre auch spannende Fotoreisen zu organisieren (Jerusalem, Marakesch, Amsterdam).

ein in Istanbul immer vorzufindendes Motiv. Wiegen für kleine Münze (2012)

#Hast du ein persönliches selbst geschossenes Lieblingsfoto?

[MK] Das schönste Foto für einen Fotografen sollte das in Zukunft noch zu schiessende Foto sein. Richtige Zufriedenheit über ein eigenes Foto hatte ich vielleicht nie. Vielleicht ist Selbstkritik auch ein guter Ansporn um immer wieder die Kamera in die Hand zu nehmen. Was auch passiert. Du hast ein interessantes Motiv entdeckt, aber hast deine Kamera nicht dabei oder bist wenige Sekunden zu spät am Auslöser. Momente können entscheidend sein. Ein durch eine Wolke (auch wenn nur für kurze Zeit) produzierter Schattenwurf kann sogar entscheidend sein für die Bildwirkung. Aufgeregt im positiven Sinne war ich beim Schiessen eines Portraitfotos vom bekannten Fotografen Ara Güler. Er ist der einflussreichste Reportagefotograf der türkischen Geschichte. Das ich das Foto mit der gleichen Kamera erstellen konnte (Anm. der Redaktion: Leica), wie der Grossmeister Sie selber nutzte, war dann doch noch die schöne Prise Salz in der Suppe.

eine spontane Portraitaufnahme in Istanbul. Gesichter von Menschen können so manche Geschichte erzählen (2011)

#Du erwähnst den Fotografen Ara Güler. Welche weiteren Fotografen würdest du empfehlen?

[MK] Das wären so viele talentierte gute Fotografen – es würde mir schwer fallen alle aufzuführen. Aber dennoch möchte ich Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Elliot Erwitt, Bruce Gilden, Josef Koudelka und Sebastiao Salgado benennen. Dies sind alles Fotografen, die der weltbekannten Fotoagentur Magnum angehörten. Wir reden hier von Meistern Ihrer Zunft, die mit Ihren Fotos auf visuelle Weise Gedichte und Romaninhalte schrieben.

Spiderman zeigt seine stolze Brust – Istanbul (2012)

#Welche Kamera würdest du empfehlen?

[MK] Dies ist die erste Frage, die gerade Neueinsteiger stellen und viel Zeit investieren in eine umfangreiche Analyse der Kameratechnik. Jedoch ist nicht die Kamera entscheidend für gute Fotos, sondern die Person die hinter der Kamera steht. Die aktuellen Kameras der unterschiedlichen Hersteller sind mittlerweile in Sachen Bildqualität alle auf Augenhöhe – die Kamera ist nur ein Instrument, welches Fotos auf Knopfdruck erstellt & abspeichert. Die Frage nach dem wann, wo und was fotografiert wird, beeinflusst rein der Fotograf und das ist auch das Wesentliche. Auch nur eine Sekunde kann entscheidend sein für ein gutes Foto. Wenn man es schafft auf einem Foto Emotionen einzubauen, dann sprechen wir von einem gelungenen Foto. Welche Bedeutung hat dann noch die Marke der entsprechenden Kamera? Ein technisch perfektes Fotos mit der teuersten Kamera und extrem hohen Auflösungen hat keinerlei Wert, wenn das Foto inhaltlich nichts bietet. Unsere Kameras müssen wir aber natürlich auch technisch beherrschen können, sonst beherrscht die Kamera uns. Die beste Kamera bleibt aber immer diejenige, die man bei sich hat, auch wenn es ein Smartphone ist. Im Gegensatz zu einem Schriftsteller, der in Gedanken durch die Zeit reisen und seine Geschichten schreiben kann, kann ein Fotograf nur den Moment leben. Ist eine Alltagssituation fotografisch nicht „im Kasten“, dann ist der Moment für immer weg. Gerne stelle ich auch die Frage, ob man anhand eines Fotos Rückschlüsse ziehen kann auf die benutzte Kamera. Dies ist nicht möglich. Oft verfällt man in den Gedanken, dass mit dem Kauf von immer teurerem Equipment auch die Qualität in den eigenen Fotos steigen sollte. Das ist natürlich ein Irrglaube. Marketingstrategen versuchen immer wieder zu vermitteln, dass nur mit der einen neuen nun auf den Markt geworfenen Kamera der Weg frei ist um Künstler zu werden. Es wird suggeriert, dass mit dem Vorgängermodell dies nicht mehr der Fall ist. Folgenden Spruch habe ich lange Zeit auf meinem Social Media Profil abgebildet: „Amateure sprechen ausschließlich über ihr Kameraequipment, Profis von Geld und Fotografen von Licht“. Daher beantworte ich die Frage nach der Wahl der Kamera gerne damit, dass man sich doch gute Schuhe zulegen sollte. Du musst selber zum Motiv, das Motiv kommt nicht zu dir. Wenn dann noch als Zutat ein gutes Auge und Mut hinzukommt, reicht auch ganz bestimmt ein älteres Kamera Model.

Strassenkünstler bieten immer wieder interessante Motive (2015)

#Was reizt dich persönlich an der Fotografie?

[MK] Fotos präsentieren uns das Gelebte, sind gewisser Weise Zeitzeugen der Realität. Was mich weniger reizt ist die Blitzfotografie. Sie hat sicherlich seine Daseinsberechtigung, fällt aber nicht in mein Interessengebiet. Wenn ein Foto Lichtmalerei bedeutet, dann ist es nicht im Sinne des Erfinders permanent Blitze zu zünden. Es gibt das sogenannte „Available Light“. Nutzt es! Mutter Natur hat uns genug davon gegeben. Fotografie ist zeitgleich eine Sprache. Wenn du diese Sprache beherrscht, kannst du dich mit jedem beliebigen unterhalten. Visuelle Sprache kann manchmal mehr aussagen als tausend Worte. Das macht richtig Spaß. Wovon ich mich aber absolut distanziere ist, wenn Fotos den Fotografen zu einem gewissen Narzissmus bringt bzw. Selbstverliebtheit. Gelobt zu werden und im Gespräch zu bleiben kann verlockend sein. Man sollte aber unbedingt darauf achten, dass dies niemals im Vordergrund steht.

Kosovo (2012)

#Kritisierst du deine eigenen Fotos?

[MK] Unbedingt und schonungslos. An welcher Stelle habe ich einen Fehler gemacht oder hätte ich die Komposition besser gestalten müssen? Manchmal stelle ich mir auch die kritische Frage, mit welcher Intention ich ein Foto eigentlich geschossen habe.

#Zum Abschluss – es ist oft die Rede von fotografischen Regeln. Was hältst du davon?

[MK] Sicherlich gibt es gewisse zu beachtende Regeln. Der sogenannte „goldene Schnitt“ ist einer der wichtigsten. Dieser kann ein Foto ästhetischer wirken lassen. Das sollte aber nicht in Stein gemeißelt sein. Einer der bedeutendsten Fotografen, Eugene Smith, sagte: „Ich habe die Regeln doch nicht selber geschaffen, also warum soll ich mich an diese halten?“. Ebenso bin ich kein Freund von umfangreichen Bildbearbeitungen. Elementare Bestandteile eines Fotos zu entfernen oder auch hinzuzufügen entspricht nicht mehr dem Grundgedanken eines Fotos. Dann „verkommt“ es zu einem Bild.

 

Wer ist Murat Kurt?

Murat Kurt wurde 1971 in der Türkei geboren. Er besuchte die Grundschule, bevor er 1980 nach Deutschland auswanderte. Beruflich ist er in der Stahlbranche beschäftigt. Seine Fotos wurden in unterschiedlichen Zeitschriften veröffentlicht. Auf Deutschlands größter Fotografie Plattform „Fotocommunity.de“ wurde er zum 10-jährigen Jubiläum der Seite zum besten Fotograf in der Sparte Menschenfotografie gekürt. Er gehört zu den Gründern des Fotovereins Fotokultur e.V. Er hat in nahezu allen europäischen Ländern fotografiert.  Neben afrikanischen Ländern wie Marokko, Tansania oder Tunesien, war er auch fotografisch unterwegs in Israil, den U.S.A. und arabischen Ländern. Er bezeichnet sich selbst als fotografierender Leser & Schreiber.

 

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